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Wird Tschechien zum Drogensupermarkt?

Wird Tschechien zum Drogensupermarkt?

Ob 15 Gramm Marihuana, fünf Gramm Haschisch, 1,5 Gramm Heroin, vier Ecstasy-Pillen oder zwei Gramm Methamphetamin: Seit erstem Januar wird in Tschechien der Besitz geringer Drogenmengen nicht mehr bestraft.

 

Die Ernte ist eingebracht, aber Zdenka Beneová* wirkt nicht sehr zufrieden. Die Luftfeuchtigkeit sei zu hoch gewesen, sagt die 32-Jährige und hält sich einen kleinen braungrünen Knollen vor die Nase: Das Gras rieche leicht verfault. Um den Absatz muss sich Beneová dennoch nicht sorgen. Die Mutter einer dreijährigen Tochter ist eine von vielen kleinen Hanfzüchtern in Prag, die für den eigenen Bedarf und Freunde produzieren. Sie verkauft das Marihuana aus den selbst angebauten Cannabispflanzen seit Jahren an Stammkunden. Die würden ihr treu bleiben, ist sie sicher: «Sie akzeptieren auch mal etwas schlechtere Qualität.»

Exekutive und Justiz in der tschechischen Republik behandelten kleine Drogenproduzenten und Konsumenten wie Beneová schon bisher mit Nachsicht. Wer Mengen für den Eigenbedarf bei sich trug, wurde selten bestraft. Allerdings blieb die Definition von «Eigenbedarf» lokalen Ermittlern und Richtern überlassen. Die konnten in Brünn anders entscheiden als in Ostrava.

 

Wird Prag das neue Amsterdam?

 

Ein seit erstem Januar gültiges Gesetzt schafft Klarheit: Die Drogen werden nicht legalisiert, aber der Besitz von genau definierten Mengen ist straffrei: Wer bis 15 Gramm Marihuana, 5 Gramm Haschisch, 1,5 Gramm Heroin, 4 Ecstasy-Pillen oder zwei Gramm Methamphetamin bei sich trägt, bricht zwar weiterhin das Gesetz, muss aber keine Strafverfolgung fürchten. Höchstens eine Verwarnung durch die Polizei. Straffrei ist auch der Besitz von fünf Cannabis-Pflanzen und bis zu 40 Pilzen mit Halluzinogenen (sogenannten Magic Mushrooms). Das neue Gesetz ist seit erstem Januar in Kraft und löste in tschechischen und ausländischen Medien wilde Spekulationen aus: Löst Prag jetzt Amsterdam als Zentrum des Drogentourismus ab? Wird die tschechische Republik zum Drogenmarkt Europas?

Jakub Frydrych ist nicht gerade erfreut, wenn er solche und ähnliche Behauptungen in den Zeitungen liest. Oder wenn ihm ein holländischer TV-Reporter Ratschläge geben will, wie man am besten Coffeeshops eröffnet. Einerseits sei das neue Gesetz eine Hilfe, sagt der Leiter der Antidrogeneinheit bei der tschechischen Polizei, «denn wir haben jetzt einen klaren rechtlichen Rahmen, in dem wir uns bewegen können».

 

Lockerer Umgang mit Gesetzen

 

Anderseits aber hält der Drogenfahnder die neue Regel für moralisch problematisch. Die Tschechen hätten traditionell nicht viel Respekt vor dem Gesetz, meint Frydrych, «und wenn die jungen Menschen nun sehen, dass sie für ein Vergehen nicht bestraft werden, verlieren sie jeden Respekt vor dem Recht».

Die Tschechen sind stolz auf ihre liberale Gesellschaftspolitik. Das gilt auch für ihre Haltung zu Drogen. Der grüne Bildungsminister sprach in einer Schule offen über seine Erfahrungen mit Marihana, ein liberaler Justizminister versprach auf Plakaten, weiche Drogen zu legalisieren. Keine Partei, ausser einer kleinen, sehr katholischen, tritt für eine Verschärfung der Drogenpolitik ein. Deshalb habe die Tschechische Republik noch lange nicht das liberalste Drogengesetz in Europa, betont Frydrych: In Deutschland sei der Besitz bis 30 Gramm Marihuana straffrei, in Tschechien nur bis 15 Gramm.

 

6000 Kronen im Monat

 

Wie viele Hanfpflanzen in der tschechischen Hauptstadt in Glashäusern und unter Alufolien wachsen, weiss niemand. Viele lassen, wie Zdenka Beneová, vier bis fünf Pflanzen in einem Hinterzimmer wachsen. Der Verkauf von Gras bringt ihr an die 6000 Kronen monatlich. Das alleine wäre zu wenig, um zu leben, aber es helfe, die Fixkosten abzudecken, sagt die Alleinerziehende. Gesichert ist allerdings, dass nirgends in Europa so viel Marihuana und Haschisch konsumiert wird wie in der tschechischen Republik. 50 Prozent der Tschechen zwischen 15 und 24 Jahren geben an, die Drogen mindestens probiert zu haben. 28 Prozent greifen regelmässig zum Joint. Unter jungen Müttern sei die Nachfrage sehr gross, sagt Beneová: «Es wirkt entspannend und ersetzt das Gläschen Wein am Abend.»

Eher als Partydroge beliebt ist hingegen die synthetische Droge Methamphetamin, die in Tschechien unter dem Namen Pervitin bekannt ist und schon vor der Wende in grossen Mengen konsumiert wurde. Pervitin ist eine tschechische Erfindung und im ganzen Land könnte es bis zu 300 Produktionsstätten geben, schätzt die Polizei. Drogentourismus fürchtet Jakub Frydrych allerdings nicht. Weite Reisen lohnten sich einfach kaum, sagt der oberste Drogenfahnder, «der Stoff ist ohnehin überall in Europa zu bekommen».

 

Knappe Mittel für Prävention

 

Das sieht Ivan Douda etwas anders. Der Psychologe leitet eine mit Schweizer Unterstützung Anfang der Neunzigerjahre aufgebaute Drogenberatungsstelle namens «Drop In» im Zentrum Prags und glaubt, dass die strengeren Gesetze in den Nachbarländern Slowakei, Ungarn oder Deutschland durchaus Drogenkonsumenten in die Tschechische Republik locken könnten: keine Süchtigen, sondern junge Menschen, die Drogen probieren, mit ihnen experimentieren wollten. Und das sei nicht einmal so schlecht: «Gleich nach der Wende kosteten wir die neuen Freiheiten in Deutschland oder Österreich», sagt Douda, «jetzt können wir dem Westen neue Freiheiten bieten.»

Douda lobt die Drogenpolitik der Stadt: Es werde viel für Prävention getan und für die Betreuung der Süchtigen. So sei es zum Beispiel gelungen, die Verbreitung von HIV unter Drogensüchtigen fast zu stoppen. Das neue Gesetz orientiere sich an der Realität. Allerdings veröffentlichte die Zeitung «Prague Post» unlängst Zahlen, die kein gutes Haar an der staatlichen Drogenpolitik lassen: Die Niederlande gaben 2008 73 Euro pro Einwohner für Drogenprävention aus und 18 Euro pro Einwohner für die Behandlung von Süchtigen. Im selben Jahr investierte die Tschechische Republik 2,2 Euro pro Einwohner in Prävention und einen Euro in die Behandlung von Süchtigen.

 

In der Szene herrscht Gleichgültigkeit

Ob in Tschechien nun wirklich die neue Drogenfreiheit Einzug halte, werde erst in ein bis zwei Jahren erkennbar sein, meint Ivan Douda. Noch sei überhaupt nicht klar, wie Polizei und Gerichte die neue Regel anwenden würden. Der Drogenexperte sieht allerdings das Problem, dass das neue Gesetz den Richtern weniger Spielraum lasse. Auch sei mancher Widerspruch enthalten: So dürfe man fünf Pflanzen haben, aus denen man bei guter Ernte mindestens 100 Gramm Marihuana gewinnen könne. Aber geduldet würden nur 15 Gramm.

Solche Sorgen quälen Zdenka Beneová nicht. In der Szene sei das neue Gesetz mit einer grossen Gleichgültigkeit aufgenommen worden, sagt die Hanfpflanzerin. Sie glaubt nicht an einen Drogenboom in ihrem Land. Im Gegenteil: Die Grosshändler fänden keine Abnehmer mehr und die Unter-20-jährigen hätten gar kein Interesse mehr an Marihuana: «Der Markt ist gesättigt», glaubt Beneová, «das Interesse an Drogen wird eher zurückgehen.»